


Klavierbau-Handwerk ist nicht nur filigran. „Meine Gesellenprüfung
habe ich gemacht wie Quasimodo, solche Rückenschmerzen hatte
ich.“ Heute kommt Doleviczényi besser mit den schweren
Lasten zurecht. „Ich habe viel von den Balletttänzern
gelernt, wie ich mich bewegen und welche Muskeln ich aufbauen
muss.“
Mindestens 12 Grad herrschen in den Lagerräumen. „Die
Klaviere dürfen nicht frieren.“
Miklós Doleviczényi verleiht den Instrumenten
neuen Glanz.
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SeineWelt ist schwarz und weiß, besteht derzeit
aus 17.600 Tasten und Miklós Doleviczényi ist nicht
gefeit davor, dass es noch mehr werden. Sein Herz schlägt
für Hammerköpfchen und Resonanzböden, für Klaviaturen
und die hölzernen Verzierungen an den Schönheiten, die
jede für sich ein handwerkliches Meisterstück ist. Miklós
Doleviczényi ist Klavierbaumeister, Restaurateur und Pianist.
Wer ihn in seiner Werdener Werkstatt besucht, tritt ein in ein
Reich, in dem sich die schönsten S(a)eiten dieses Musikinstruments
jedem offenbaren.
Wer die unscheinbareTür öffnet
steht mittendrin in einem Potpourri aus alten, etwas verstaubten
Holzinstrumenten,
grobem Werkzeug und feinsten lackierten Flügeln. Die Luft
ist trocken, es duftet nach Werkstatt und gleichzeitig doch auch
nach konzertanter Materie. Miklós Doleviczényi
rückt auf seinem Stuhl nach vorn „Ich hab mich verhoben.
Ich hatte solche Rückenschmerzen. Konnte gar nicht mehr
spielen. Jetzt geht es schon besser.“ Vielleicht das größte
Berufsrisiko eines Klavierbauers, der tagtäglich die filigranen
und doch so massigen, zentnerschweren Instrumente bewegt. Vielleicht
birgt der Beruf aber auch ein weiteres Risko: Dass das Arbeitsmaterial
zum Objekt der Begierde wird und mit all seinem Charme den Klavierbauer
in seinen Bann zieht. Und vielleicht ist es Miklós Doleviczény sogar
genau so ergangen. Aber von vorn ...
Es war 1974 als der gebürtige Ungar nach Deutschland emigrierte.
Er begann ein Studium an der Folkwang-Hochschule und gründete
mit Freunden die Band ‘Cabine 6’. Regelmäßig
traf man sich in der Rüttenscheider Jazz-Rock-Kneipe ‘Alexander’. „Es
war immer brechend voll. Quasi die ganze Jazz-Abteilung von Folkwang
war dort, auch Helge Schneider ging hier ein und aus.“ Eine
Zeit auf die Miklós Doleviczényi gerne zurück
blickt. Erinnerungsfotos hängen an den Werkstattwänden.
Zur Ausbildung als
Klavierbauer kam wie so häufig der Ungar
dann ganz zufällig. „
Ich habe ein Klavier geschenkt bekommen. Ihm fehlten zehn Hammerköpfchen.
Also habe ich mich auf die Suche begeben.“ Doleviczényi
traf auf den Klavierbauer Bieling
in Bottrop, der ihm die fehlenden Hammerköpfchen schenkte.
Dem Studenten bot er
nach seinem bekundeten Interesse an, sich bei ihm zum Klavierbauer
ausbilden zu lassen. Nach fünfeinhalb Jahren und gleichzeitig
absolviertem Folkwang-Studium bestand Miklós Doleviczényi
seine Gesellenprüfung. Er machte sich selbstständig,
spezialisierte sich auf altdeutsche Instrumente. „Sie sind
von Klang und Schönheit das Beste! Haben eine unübertroffene
Sensibilität und Dynamik. Einige Klaviere klingen gar wie
Flügel.“ Der Klavierbaumeister schätzt das alte
Handwerk, „zudem war noch genügend geeignetes Holz
da. Es wurde langsam in einer Kammer getrocknet und erst dann
weiter verarbeitet. Heute ist
die Bergische Fichte sehr rar.“
Podeste für
die Klaviere
In Ungarn legte Doleviczényi später seine Meisterprüfung
ab, lernte letzte Kniffe des aufwendigen Handwerks von einem
Klavierbaumeister, der nach der Wiener Schule arbeitete. Und dann
ging es los mit Doleviczényis Sammelleidenschaft.
Fünf Jahre lang arbeitete der Klavierbauer in einer kleinen
Werkstatt in Holsterhausen. „Irgendwann hatte ich so viele
Klaviere angesammelt, dass wir Podeste bauen
mussten.“ Seit fünf Jahren ist das Tor 1 an der Ruhrtalstraße
die Heimat des Pianisten und seiner Pianos. Unglaubliche 200
Klaviere und Flügel stehen hier in Reih’ und Glied,
dicht an dicht, in unterschiedlichem Zustand. Sie faszinieren
ihn („Das hier ist von 1870, ist das zu glauben?“),
berühren ihn („Der Besitzer hat es mit der Axt zerstört,
weil es nicht schnell genug abgeholt wurde. Ich könnte weinen.“)
und fordern ihn („Dieses
hiermuss restauriert werden - darum wollte ich mich schon so
lange kümmern ...“).
Elfenbein statt Kunststoff
Bis zu 340 Arbeitsstunden steckt der 59-Jährige in ein einzelnes
Objekt. Liebevoll ergänzt er fehlende Elfenbeinklaviaturen,
statt sie durch Kunststoff belegte Tasten zu ersetzen. Oder restauriert
alte Stücke ganz nach den Vorstellungen des zukünftigen
Besitzers. Und das alles neben seiner Folkwang-Anstellung als
Korrepetitor in der Ballett-Abteilung. Zudem ist Doleviczényi
als Klavierstimmer im gesamten Ruhrgebiet ‘im Einsatz’.
Er stimmt ein Klavier oder einen Flügel traditionell mit
dem Ohr und nicht mit einem geeichten Messinstrument, welches,
wie er sagt „feine Obertöne etwas emotionslos wahrnimmt.“ In
Miklós Doleviczényis Werkstatt steckt hingegen
pure Emotion. Jedem Klavierspieler auf der Suche nach einem neuen
Instrument sei ans Herz gelegt, den Klavierbauer einmal zu besuchen. |